In wenigen Tagen ist Weihnachten und danach beginnen die Rauhnächte, eine Zeit “außerhalb der Zeit”. Das alte Jahr ist noch nicht gegangen, das neue hat noch nicht begonnen. Die Natur hat sich zurückgezogen, ist still geworden und in sich gekehrt. Auch für uns öffnet sich an diesen Tagen zwischen den Jahren die Möglichkeit, uns mit uns selbst zu verbinden, das Vergangene zu reflektieren und die Zukunft zu planen. Der spirituelle Aspekt dieser dunklen und geheimnisvollen Zeit hat im Laufe der Jahre an Bedeutung verloren. Dennoch sind die Rauhnächte eine besondere Zeit.

Was sind eigentlich die Rauhnächte?

Als Rauhnächte bezeichnet man in den meisten Regionen die Zeit zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Januar, eine Zeit von großer magischer Kraft. Wir können jetzt unser Schicksal neu weben und das säen, was wir uns wünschen.

Jede Rauhnacht ist Sinnbild eines der folgenden zwölf Monate. Das kommende Jahr wird gewissermaßen “ausgelesen“, darum spricht man auch von „Losnächten“. Wir entscheiden, welche Weichen wir für die Zukunft stellen möchten, lassen Altes los und öffnen uns dem Kommenden. Wir spüren nach innen, schließen Frieden mit uns und wagen einen Neubeginn. Gerade in unserer hektischen Zeit und nach den stressigen Weihnachtsvorbereitungen tut es gut, der Seele eine Ruhepause zu gönnen.

Heilige Nächte

Bei unseren Vorfahren galten die Rauhnächte als heilige Nächte. In dieser Zeit wurde möglichst nicht gearbeitet, stattdessen im Kreis der Familie gelebt und gefeiert. Es waren Tage des Übergangs, des Pläneschmiedens und Aufbruchs. Fruchtbarkeit, Neugeburt und Wachstum waren zentrale Themen, man sprach daher in früheren Zeiten auch von “Mutternächten”.

Früher wurden in dieser Zeit mächtige Rituale gewirkt. Bei den keltischen Druiden zählten die Rauhnächte zu den “Zwischenzeiten”, die außerhalb der eigentlichen Zeit lagen. Sie waren weder dem Tag noch der Nacht zuzuordnen, wie die Morgen- oder Abenddämmerung. Das liegt in der unterschiedlichen Länge von Mond- und Sonnenjahr begründet:

Der Mond benötigt 29 1/2 Tage von Neumond zu Neumond. Ein Mondjahr sind also 354 Tage. Die Sonne braucht aber länger, um wieder an derselben Stelle am Himmel zu stehen. Ein Sonnenjahr zählt 365 Tage. Die elf Tage und zwölf Nächte der Rauhnacht-Zeit dienen dazu, den Mond- und Sonnenkalender in Einklang zu bringen. Sie werden auch als “tote Tage” oder “geschenkte Zeit” bezeichnet.

Frau Holle schüttelt uns

Die Märchengestalt Frau Holle wirkt in diesen Tagen als Schutzpatronin und Richterin über Gut und Böse, das beides in jedem Menschen existieren. Im Bayerischen Wald treibt sie die “Wilde Jagd” an.

Wir sind aufgefordert, schlechte Gewohnheiten abzulegen und unsere Talente zum Guten zu nutzen. Darum gilt es in den Rauhnächten als besonders stärkend, die Wohnung und das eigene Innere rein und sauber zu halten. Vielleicht habt ihr auch schon mal gehört, dass man über den Jahreswechsel hinweg keine schmutzige Wäsche liegenlassen soll, weil sie euch im übertragenen Sinn sonst das ganze nächste Jahr begleitet?

Während der Rauhnächte sollen wir uns mit uns selbst auseinandersetzen, uns wahrhaft und ehrlich begegnen. Das scheucht uns aus unserer Komfortzone und läutet Entwicklung ein, was anfangs ziemlich ungemütlich erscheinen kann. Schließlich sehnen wir uns in diesen Tagen meist nur nach Ruhe und Entspannung. Längerfristig hilft es aber, wenn wir einkehren, um Erkenntnis und Kräfte zu sammeln.

Wirkungsvoll kann es sein, sich in diesen Nächten die Träume zu merken und aufzuschreiben. Denn oft steckt darin eine wichtige Botschaft über uns selbst, die bisher verborgen blieb.

Die Bedeutung des Räucherns

Man geht davon aus, dass diese Tage ursprünglich “Rauchnächte” hießen. Das Räuchern dient der Reinigung. Positive Energien sollen in das Haus strömen und böse Geister vertrieben werden. Als Räucherpflanzen eignen sich besonders:

  • Beifuß – kräftigt Körper und Seele
  • Kiefernharz – vertieft die Atmung und regt den Organismus an
  • Wacholder – erhöht die Achtsamkeit
  • Tanne – weckt Lebensfreude
  • Thymian – desinfiziert und reinigt
  • Myrrhe – vertreibt negative Gedanken oder
  • Weihrauch – wirkt energetisierend, reinigt

Vor allem die letzte Rauhnacht ist bedeutsam, um sich mit Altem zu versöhnen und sich von Überflüssigem und Belastenden aus dem vergangenen Jahr zu trennen. Aus diesem Grund ist es Brauch, u. a. jede Weihnachtsdekoration spätestens an diesem Tag zu entsorgen. 

Jede Nacht für sich besonders

25. Dezember – Altes abschließen

Die erste Rauhnacht steht für den Januar, ihr Thema ist die eigene Basis, die Wurzeln in der Familie. Um diese Wurzeln zu ehren, können wir für jedes Familienmitglied eine Kerze anzünden und ein Nachtlicht für die Ahnen, die vor uns da waren, brennen lassen. Wir rufen uns das vergangene Jahr in Erinnerung, die schönen und traurigen Momente, die jetzt einen Platz in unserer Seele haben. Fragen lauten zum Beispiel: Wer oder was hat mich im vergangenen Jahr durch gute und schwere Zeiten begleitet? Wer oder was hat mir Freude gebracht oder mich Energie gekostet?

26. Dezember – Still werden

Der Weihnachtstrubel ist vorbei und jetzt geht es um Frieden und innere Führung. Diese zweite Rauhnacht steht für den Monat Februar. Vielleicht sind wir von der ersten Rauhnacht noch innerlich aufgewühlt und auch um uns herum herrscht noch Unruhe. Darum mag es schwer fallen, ruhig zu werden und uns mit unserer inneren Quelle zu verbinden. Durch diese Einkehr sollen wir erkennen, was in der kommenden Zeit wichtig ist und welche Kräfte uns begleiten. Symbole oder Tiere, die uns jetzt im Traum begegnen, sollten wir uns merken.

27. Dezember – Herz öffnen

Die dritte Rauhnacht steht für den März und gilt als besonders spirituell. Geister, Gespenster und Dämonen spielen jetzt eine Rolle. Ängste können auftreten, die uns signalisieren, dass etwas in uns noch nicht abgeschlossen und unverstanden ist. Durch hohe Achtsamkeit, was uns an diesem Tag begegnet, können wir einiges über zu erfahren. An diesem Tag heißt es: Kommen lassen, was kommt.

28. Dezember – Innerem vertrauen

In der vierten Rauhnacht, die für den April steht, rufen wir uns negative Ereignisse in Erinnerung und schließen inneren Frieden damit. Das Leben ist ein stetiger Wechsel aus Auf und Ab, dem wir nur mit Vertrauen begegnen können. Vertrauen darauf, das alles, was uns im Leben widerfährt, letztlich gut ist und dazu dient, dass wir daran wachsen und reifen. In diesem Vertrauen finden wir Gelassenheit und Seelenruhe, die nötig ist, um allen kommenden Widrigkeiten zu begegnen.

29. Dezember – Dem Körper wohltun

Die fünfte Rauhnacht ist Sinnbild für den Mai und ihr Thema ist die Freundschaft, auch und vor allem zu uns selbst. Sind wir uns in der Vergangenheit ein guter Freund gewesen? Haben wir uns selbst gut behandelt? Körper, Geist und Seele bilden eine Einheit. Darum sollten wir alle drei gleichermaßen wertschätzen, indem wir jetzt besonders in uns spüren, uns wahrnehmen. Was tut unserem Körper besonders gut? Besonderes Augenmerk gilt einer achtsamen Ernährung.

30. Dezember – Gefühle akzeptieren

Die kalte und graue Jahreszeit färbt oft auch auf unser Gemüt ab. Der Winter ist eine stille Zeit und lädt zur Ruhe ein, gleichzeitig aber herrscht der Trubel vor den Weihnachtstagen, wir erleben Stress, dann Besinnlichkeit und schon schwimmen wir mitten in einem großen, wellenschwankenden Meer wechselhafter Gefühle.

In der sechsten Rauhnacht gilt es, die eigenen Gefühle ganz und gar anzunehmen und als Teil von uns zu akzeptieren, ohne uns jedoch in ihnen zu verlieren. Wir rufen uns in Erinnerung, was wir in bestimmten Momenten und Situationen gefühlt haben, was diese Emotionen in uns hervorgerufen hat. Dennoch dürfen wir nicht in ihnen hängenbleiben sondern müssen lernen, loszulassen. Wir können fragen, wozu es gedient hat und was wir daraus gelernt haben.

31. Dezember – Herzensziele erkennen

Die Nacht vor Beginn des neuen Jahres. Heute stehen Partys und Geselligkeit auf dem Programm. Es wird laut und turbulent. Doch wir benötigen ebenso einen Moment Ruhe, um uns auf das Kommende vorzubereiten. Wir denken an die Dinge, die wir verändern und erreichen wollen, und stellen gute Vorsätze für das neue Jahr auf. Wir fragen uns: Was bereitet mir Lebensfreude? Was sind meine Werte, wo genau will ich eigentlich hin? Was hielt mich bisher davon ab, dort anzukommen? Dann können wir es in Zukunft anders machen.

1. Januar – Sich entscheiden

Das Thema der achten Rauhnacht für den August ist die Geburt eines neuen Lebens. Wir haben in der vorangegangenen Rauhnacht bereits über unsere Herzensziele nachgedacht. Jetzt müssen wir entscheiden, welchen Weg wir einschlagen, welche Möglichkeit wir nutzen wollen und gegebenenfalls Prioritäten festlegen. Dies sollte ganz in Ruhe und keinesfalls überhastet geschehen.

2. Januar – Frieden finden

Die neunte Rauhnacht steht für den September. Damit wir den Weg, den wir beschreiten wollen, tatsächlich gehen können, müssen wir uns mit der Vergangenheit, mit einstigen Kränkungen und Verletzungen, versöhnen. Nicht immer mag vergeben leicht fallen. Doch alte Lasten würden uns die Reise nur erschweren und uns hindern vorwärtszukommen. Indem wir vergeben, beschenken und heilen wir uns selbst. Dann können wir den Blick frei auf das richten, was vor uns liegt und bleiben nicht in alten Wunden gefangen.

3. Januar – Achtsam werden

Die zehnte Rauhnacht steht im Sinn der Achtsamkeit. Wir werden aufgefordert, ganz im Hier und Jetzt zu leben. Den Moment auszukosten, ohne zu urteilen oder zu bewerten und ohne gedanklich bereits beim nächsten Termin zu verweilen. Heute sollen wir die spirituellen Tore weit aufstoßen, wahrnehmen, was immer an Bildern und Gedanken zu uns kommt.

4. Januar – Dankbar sein

Für was bin ich in meinem Leben dankbar? Welche guten Dinge sind mir in der Vergangenheit widerfahren? Das sind heutige Überlegungen.

Dankbarkeit ist eine Lebenseinstellung, eine Entscheidung zum Glück. Sogar schwierige Ereignisse haben uns im Nachhinein betrachtet, vielleicht vorwärts gebracht. Herausforderungen lassen uns wachsen. Wir können hadern oder das Leben mit allem darin dankbar annehmen.

5. Januar – Ins Licht wachsen

Heute endet die Zeit der Rauhnächte. Mit dem Beginn des Dreikönigstages um Mitternacht ist der Übergang ins neue Jahr endgültig vollzogen. In altem Brauch werden die Fenster weit geöffnet, um die negativen Kräfte aus dem Haus zu lassen. Oft wird dies von einem Räucherritual begleitet.

Die dunklen Tage haben die Sehnsucht nach Licht geweckt, das nun immer mehr in der Natur erwacht. Die Tage werden wieder länger und mit ihrem Strahlen leuchten auch wir innerlich auf. Mit Vertrauen, Dankbarkeit, Lebensfreude und Vergebung vertreiben wir die negativen Kräfte in uns selbst. Wir bewahren stattdessen neuen Mut und Hoffnung, wachsen gestärkt aus dem Dunkel ins Licht.

Die Natur bewahrt sich in diesen Tagen ihren Stillstand und auch wir sollten unsere Grübeleien still liegen lassen. Die Rauhnächte tragen uns in ein neues Jahr. Freuen wir uns auf das, was die Zukunft uns bringen mag.

Wie erlebt ihr die Rauhnächte? Ist euch schon mal etwas Besonderes in dieser Zeit passiert? Für mich sind diese alten Riten und Mythen immer wieder inspirierend. Wie ist das für euch?

Zwischen den Jahren: Rauhnächte
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