Hochsensibel – auf zarte Art stark!

 

Ich hatte schon immer das Gefühl, dass ich öfters Ruhe brauche als andere. Das Bedürfnis, Nein zu sagen, weil ich mich erschöpft fühlte, aber aus schlechtem Gewissen heraus doch Ja sagte. Mit dem Ergebnis, dass ich mich total miesgelaunt bei Dingen wiederfand, die mir eigentlich Spaß machen (sollten). Hochsensibel – darauf stieß ich erst Jahre später.

 

Besondere Gabe, aber auch Last

Heute, da ich mich als hochsensibler Mensch weiß, kann ich besser akzeptieren, dass ich eben mehr Pausen und Auszeiten benötige als der Durchschnittsmensch, um meine Akkus wieder aufzuladen.

Ich reagiere auf vieles empfindlich – Licht, Lärm, Gerüche, Stimmungen – und ich ertrage manche Menschen nur „dosiert“, bevor ich mich zurückziehen muss. Partys sind für mich ein Graus, weil zu viele Geräusche zeitgleich auf mich eintrommeln: Reden, Lachen, Geschirrklappern, Musik aus dem CD-Spieler usw. Es heisst, Katzen hören Geräusche um die dreihundert mal intensiver als der Mensch. So komme ich mir manchmal auch vor. Dann fühlt es sich an, als ob mir der Kopf platzt und ich verabschiede mich vorzeitig – früher oft mit irgendeiner Ausrede, da ich nicht wusste, wie ich es erklären sollte. Solche Veranstaltungen saugen mich regelrecht leer!

Ich gehe gern raus, treffe mich mit Freunden, unternehme etwas. Doch meine persönliche Grenze an ertragbaren Terminen liegt offenbar niedriger als bei anderen. Nach einem 9-Stunden-Arbeitstag brauche ich erst mal Zeit für mich. Klar – wer nicht?, wendest du jetzt vielleicht ein. Geht doch jedem so.

Aber als Hochsensible ticke ich noch ein bisschen anders. Schon ein Anruf von lieben Menschen, mit denen ich sonst fröhlich plaudere, oder eine Verabredung mit Freunden kann mir in jenen Momenten zu viel werden. Mich zusammenzureißen, wie manch einer inbrünstig von mir fordert, ist schlicht nicht machbar. Meine Energiereserven reichen nicht mehr aus, um noch irgendetwas aufzunehmen. Auch schöne Dinge – das Schreiben, Malen, Musik etc. – alles in diesem Augenblick zuviel! So sehr ich einerseits will – ich bringe dann nichts zustande.

Warum kriege ich das nicht hin?, habe ich mich oft gefragt. Tue es auch jetzt manchmal noch. Alle anderen schaffen es doch auch. Ich zweifle an mir selbst, ärgere mich, mache mir schwere Vorwürfe. Mal wieder versagt.

 

Wegen Überflutung geschlossen!

Oft sind Menschen in meiner Umgebung erstaunt, was ich alles wahrnehme, das ihnen zeitgleich entgeht. Wenn ich frage: „Hast du das gerade gehört?“ ernte ich häufig nur rätselnde Blicke und Kopfschütteln. Mein Hirn arbeitet anders, filtert weniger und lässt mehr Informationen durch. Dadurch weiß ich mehr, der Speicher ist aber auch ziemlich schnell voll. Dann ist der Punkt erreicht, an dem nichts mehr geht. Overloaded!

 

Hochsensibilität als Stärke annehmen

Hochsensible sind empfänglicher für äußere und innere Reize (z. B. Gedanken, Erinnerungen). Sie erleben tiefer, „sehen“ dadurch manches schon im Vorfeld kommen, was anderen oft schwer zu erklären ist. Ihre niedrigere Reizschwelle führt rasch zur Überreizung und was sie heute erleben, kann sich noch Wochen später genauso intensiv anfühlen – oh ja, glaub mir! Menschen, die hochsensibel sind, brauchen regelmäßigen Rückzug, um Dinge zu verarbeiten. Leider fehlinterpretieren andere dieses Bedürfnis oft als introvertiert, ungesellig und wenig belastbar.

Für mich ist Hochsensibilität aber auch eine besondere Stärke. Sie macht mich einfühlsam und empathisch, sodass ich mich gut in andere Menschen und ihre Beweggründe hineinversetzen kann. Ein Gefühl von „menschlich verständlich“ nimmt die eine oder andere Schärfe.

Ich reflektiere mich selbst stark und kann für ein Thema aus verschiedenen Motiven und Richtungen heraus argumentieren. Manchmal – sogar Tage, nachdem ich dachte, ich sei mit dem Thema durch – fallen mir ganz plötzlich weitere Argumente ein. Ich merke, dass ich dabei häufig ins Grübeln abdrifte. Ich habe gelernt, das zu akzeptieren und nicht im Gedankenkarussell steckenzubleiben. Zugegeben – ab und zu kreist es noch etwas länger 😉

Ich bin in der Lage, mich völlig in etwas zu vertiefen, zum Beispiel beim Schreiben oder wenn ich mich in der Natur aufhalte. Die Kehrseite ist der Drang nach Perfektion und die Gefahr, mich festzubeißen. Andererseits bin ich dadurch aber auch sehr gewissenhaft. Ich erlebe das, was viele als „Flow“ bezeichnen. Danach fühle ich mich kraftvoll und energiegeladen, vorausgesetzt, ich werde nicht zwischendurch gestört.

Über mein Gedächtnis staune ich ab und zu selbst. Ich erinnere mich an kleinste Details aus Gesprächen noch Monate oder Jahre später. Das ist sowohl im Freundeskreis als auch im Job ganz nützlich.

Insgesamt bringt es positive und auch anstrengende Aspekte mit sich, hochsensibel zu sein. Es macht den Alltag nicht immer einfach, weil viele Hochsensibilität als schlicht übermäßig empfindlich abtun. Wichtig ist, dass du als HSPler selbst um deine Eigenschaft weißt und dich selbst besser verstehen lernst.

Meine innere Stimme sagt mir meist recht deutlich, was ich brauche. Ich sollte vielleicht nur ein bisschen öfter hinhören!

 

Literatur für Hochsensible

Sind sie hochsensibel? (Elaine N. Aron)

Sind Sie hochsensibel?

Elaine N. Aron hat als erstes Hochsensibilität erforscht. Ihr Buch war mein erstes zum Thema und ist für mich ein absolutes MUSS für alle Hochsensiblen, die sich endlich besser verstehen wollen.

 

Hochsensibel ist mehr als zartbesaitet (Sylvia Harke)

Hochsensibel ist mehr als zart besaitet

Bot für mich viele interessante „Aha“-Momente. Ich empfehle jedem HSPler, es zu lesen.

 

Hochsensibel – was tun? (Sylvia Harke)

Buchtipp: Hochsensibel - was tun?

Auch dieses Buch verschafft einen guten Überblick über die verschiedenen Aspekte der Hochsensibilität, insbesondere auch der psychologischen Hintergründe, und geht dabei auf die diversen Lebensbereiche wie Partnerschaft, Beruf etc. ein.

 

Hier noch ein paar interessante Seiten, auf denen du weitere Infos zum Thema findest:

http://www.hochsensiblepersonen.com/

https://www.zartbesaitet.net/

https://hsp-academy.de/

https://hochsensibelsein.de/

 

Beachte auch den Anfang August erscheinenden Artikel: 10 Dinge, die du jede Woche für dich tun solltest!